"Cartoon und Cover fügen sich wieder zusammen"

Markus Peichl, Chef der Lead Awards sowie Geschäftsführer der Galerie Crone in Berlin-Kreuzberg, plädiert im Interview für mutigere Cover, die nicht immer auf Nummer sicher gehen sollen. Positiv bewertet er den Trend zu den neuen Cartoon-Titeln. Er mahnt aber auch: Chefredakteure müssten sich wieder mehr trauen.

nb: Herr Peichl, wie hat sich die Covergestaltung durch Digital verändert?
Markus Peichl: Eine gute Bildidee bleibt eine gute Bildidee. Eine gute Bildchiffre bleibt eine gute Bildchiffre. Ein guter Ikon bleibt ein guter Ikon. Daran hat sich von der Höhlenmalerei bis ins digitale Zeitalter nichts geändert. Natürlich ist die Ästhetik des Bildes eine andere, wenn sie ein Motiv in einen Fels ritzen oder es am Bildschirm entwerfen. Aber die Funktion, die Aufgabe, die Herausforderung, die Notwendigkeit einer guten oder sogar genialen Idee, das ändert sich dadurch nicht.

nb: Müssen Kreative bei der Covergestaltung heute andere Dinge bedenken als früher?
Peichl: Nein, es geht um die Übersetzung einer Botschaft, einer Aussage, eines Inhalts durch prägnante Bilder. Die Anforderung an Kreative hat sich in diesem Punkt überhaupt nicht verändert. Wir haben immer eindringliche, einleuchtende und dabei trotzdem überraschende Bildchiffren gebraucht, und wir brauchen sie auch heute noch auf Covern.

nb: Der erhöhte Druck im Zeitschriftenmarkt durch sinkende Printauflagen spielt dabei keine Rolle?
Peichl: Das ist wieder etwas anderes. Je klarer und einleuchtender eine Chiffre ist, umso besser funktioniert sie. Natürlich dann auch in der Flut der vielen Bilder, die uns täglich über das Internet erreicht. Der Druck im Zeitschriftenmarkt war immer aber da, und die Herausforderungen waren immer groß. Ich glaube nicht, dass es einen besonderen Unterschied macht, ob man sich heute eine Idee einfallen lassen muss, oder ob man es in den 70er Jahren oder im 19. Jahrhundert tun musste.
Ein Cover musste damals funktionieren, und genau so muss es für die heutige Zeit funktionieren. Und wenn es auf den Punkt gebracht ist, wenn es sofort klick macht, man es sofort versteht, vielleicht schmunzelt, es sofort begreift, es erfasst und hineingezogen wird, dann ist es geglückt. Und natürlich wirkt so ein Coverbild dann digital im Netz genauso.
 
nb: Sind Ihnen Trends im Jahr 2017 aufgefallen?
Peichl: Was man in den vergangenen zwei, drei Jahren sieht, spiegelt sich auch in der Auswahl Ihres Wettbewerbs wider: Es gibt wieder mehr gezeichnete, mehr illustrative Cover. Es gibt wieder mehr Cover, die man klassisch als Cartoons bezeichnen würde. Das ist in der Flut der Bilder nur folgerichtig. Gute Cartoons, gute Illustrationen und gute Cover haben immer eines gemeinsam gehabt: Sie reduzieren eine Aussage auf das Wesentliche. Sie sind nicht zu kompliziert und nicht einfach. Sie zünden auf den ersten Blick, aber sind bei genauem Hinsehen nicht platt. Dass sich Cartoon und Cover wieder zusammenfügt, ist ein Trend.

nb: Was halten Sie von Fäkalsprache auf dem Titel?
Peichl (lacht): Was meinen Sie damit?

nb: Auf dem Gewinner-Cover des Jahres 2017 steht "scheiße" und auf einem früheren 'brand eins'-Cover steht: "Kauf mich du Arsch" …
Peichl: Das Gewinner-Cover von 'brand eins' ist, wenn Sie so wollen, auch ein Cartoon mit Fotografie. Hier wird eine Bildidee reduziert und dann mit einer Titelzeile versehen. Auch das tut der Cartoon häufig, er kombiniert Bild mit Titelzeile. Das gehört zur Kunst des Cartoons und zur Kunst des guten Covers. Diese Grundidee wohnt auch dem 'brand eins'-Cover inne.
Wenn wir uns über "scheiße" empören, dann müssen Sie mal über den Alexanderplatz gehen oder in der Berliner U-Bahn jemanden anrempeln! Oder ein bisschen im Internet surfen. Dagegen ist die 'brand eins'-Zeile sehr höflich. Aus meiner Sicht ist das heute keine provakante Zeile mehr. Ich finde, auf einem Cover ist alles erlaubt, und es muss alles erlaubt sein. Wir leben in einer Zeit, in der wir zu mehr Verboten und Restriktionen zurückkehren, da finde ich es ganz erfrischend, dass diese Cover sich im letzten Jahr mehr getraut haben als in den Jahren davor. Ich finde es gut, wenn die mal einen Schritt weiter gehen, als es sonst in der Coversprache üblich war.

nb: Sie haben nun sehr viel Lob ausgesprochen. Gibt es auch etwas, was Sie stört oder was Sie Blattmachern raten möchten?
Peichl: Grundsätzlich muss man natürlich sagen, dass die Covergestaltung immer noch die Achillesferse der deutschen Zeitschriften und Magazine ist. Im Innenleben der Zeitschriften findet man eine höhere Qualität als auf den Covern. Das muss man so nüchtern festhalten. Deshalb finde ich es umso positiver, wenn sich mal ein bisschen etwas in die richtige Richtung bewegt – ein bisschen mutiger, ein bisschen provokanter, ein bisschen klarer, ein bisschen ungewöhnlicher, ein bisschen überraschender. Aber trotzdem muss man sagen, dass wir davon gerne mehr hätten. Wenn sich mehr Chefredakteure etwas trauen würden. Durch den permanenten Sinkflug der Auflagen entstehen auf den Covern wieder größere Freiräume, und es wird mehr ausprobiert. Das ist gut und richtig. Diese Auf-Nummer-sicher-Cover-Politik vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren, die hatte zu einem kompletten Stillstand und zu einem kompletten Einerlei geführt. Davon verabschiedet sich die Covergestaltung zunehmend. Das ist positiv. Aber klar, es dürfte auch noch ein bisschen mehr sein.

Interview: Birte Schäffler

Das komplette Interview mit Markus Peichl ist in 'new business' Ausgabe 6/2018 erschienen.

(bs) 30.01.2018