Ein gutes Cover inkludiert die Leistungsfähigkeit der redaktionellen Arbeit

Interview mit Prof. Heinz-Jürgen Kristahn, Institut für Kommunikation und Design, Berlin

„Ein Streiter für das Schöne und Gute. Für Kommunikation und Erkenntnisgewinn”, lautet das Selbstbildnis von Prof. Heinz-Jürgen Kristahn, Leiter des Institut für Kommunikation und Design, Berlin. Kristahn gilt als Doyen der reinen Plakatlehre. Dabei liegt der Fokus seiner Arbeit auf dem künstlerischen Medium Plakat im Spannungsfeld zwischen universitärer Lehre einerseits und der höchst komplexen Realität von Kommunikation andererseits. „Salopp formuliert”, so Kristahn, „im Spannungsfeld zwischen hehrem Anspruch und schnöder Wirklichkeit”. Wie jedes andere Medium, soll ein Plakat berühren, es aufmerksam machen. Nichts anderes gilt für die Covergestaltung. CP MONITOR sprach mit Kristahn über die Parallelen zwischen den beiden Medien.

CP MONITOR: „Ein gutes Cover ist wie ein Plakat. Schnell, direkt buhlt es um die Aufmerksamkeit“, meint der ehemalige STERN-Artdirektor Wolfgang Behnken. Plakate und Cover – wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo das Trennende?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Ja und nochmals ja, Wolfgang Behnkens Statement kann ich nur bestätigen. Ich hatte in jungen Jahren einen sehr guten Lehrmeister in Paul Pietsch, dem Verleger der Motor Presse, ein intensiver und engagierter Sparringspartner. Die Gemeinsamkeiten von Cover und Plakat liegen darin begründet, den Inhalt extrem redundant, auf den Punkt gebracht und aufmerksamkeitsstark zu visualisieren. Im Vergleich zum Cover genießt das Plakat zwei besondere Vorteile: zum einen die Dominanz der Größe, zum anderen der Ort der Präsentation im urbanen Umfeld.

CP MONITOR: Gibt es eine besondere deutsche Kultur der Covergestaltung im Vergleich zu anderen Ländern?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es eine besondere deutsche Kultur der Covergestaltung.
Das Editoral-Design in Deutschland ist schon sehr früh mit und durch Willy Fleckhaus in den Jahren des Wirtschaftswunders gestartet. Hier sei erwähnt, dass er sich nicht nur in der Praxis innovativer Vorgehens- und Arbeitsweisen bediente; für Fleckhaus stellte seine Lehrtätigkeit ein wichtiges Indiz dafür dar, dass bis heute nicht nur kreative, sondern gleichermaßen weitsichtige und zukunftsweisende künstlerische Darstellungsmethoden einer neuen Bildersprache in Erscheinung treten.
Einige Cover aus New York oder London faszinieren mich mithin, aber als Vorbilder haben sie für mich ihre Anziehungskraft verloren.
 
CP MONITOR: Welche Funktion haben Zeitschriften-Cover in der heutigen Medienlandschaft?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Wer in unserer verdichteten Medienlandschaft mit einem Zeitschriften-Cover in die Öffentlichkeit geht, sollte der sogenannten First Page, dem Cover, eine strategisch kommunikative und nonverbale Identität zuordnen. Wie erfolgreich das geht, zeigen in hohem Maße die Fachzeitschriften. Bei einigen Specialist Journals steht im Vordergrund eine zeitaffine Bildersprache mit ästhetischer Positionierung. Das Cover wird zur Marke und zum Trend.

CP MONITOR: Was macht ein gutes Cover aus?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Kunst kommt von Können, ein etwas sehr reduziertes Zitat von Josef Beuys. Da tut sich bei vielen sofort die Frage auf, was Kunst und Mediengestaltung verbindet? Tragen nicht beide Aspekte wichtige Komponenten zur Zielsetzung bei? Für mich war die konstruktive Zusammenarbeit mit der Redaktion eine existentielle Voraussetzung, den Inhalt adäquat in eine ästhetische Bildersprache zu transferieren. Stress und Zeitmangel blockieren häufig das optimale zielgerichtete Arbeiten. Ein effizientes inhaltliches Briefing ermöglicht dem Layouter und/oder Designer eine ebenso effiziente Umsetzung.
Ein gutes Cover inkludiert für mich die gesamte Leistungsfähigkeit der redaktionellen Arbeit – nicht mehr und nicht weniger. Redaktionelle Bildkompetenz unisono.

CP MONITOR: „Young is better than old. Pretty is better than ugly. Rich is better than poor.  Movies are better than music.  Music is better than television. Television is better than sports . . . and anything is better than politics.“
Würden Sie dieses  Cover-Credo des ehemaligen Chefredakteurs des PEOPLE MAGAZINS immer noch unterschreiben?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Jedes Individuum verfügt über eine besondere Begabung. Prosa in dieser Form sollte für ein Statement ausreichen, für ein Cover-Credo sicherlich nicht.

CP MONITOR: Zeitschriften haben heute eine veritable Konkurrenz: das Internet. Haben sich dadurch die Regeln der Covergestaltung verändert? Wenn ja, wie?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Die Konkurrenz des Internets verlangt den Zeitschriften viel ab, vieles hat sich verändert und die Zeitschriften haben nicht nur überlebt, sie sind meiner Meinung nach besser geworden. Das Visuelle der Zeitschriften war lange Zeit nur Beiwerk. Das reicht im harten Konkurrenzkampf nicht mehr; heute bieten die Zeitschriften ein adäquates und überzeugendes Design an - um konkurrenzfähig zu bleiben.

CP MONITOR: Nicht alles, was der Rechner kann, ist gut für das Titelbild – teilen Sie diese Meinung?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Diese Frage hat es in sich. Exemplarische Beispiele könnten zur Bestätigung dieser Frage massenhaft gefunden werden. Es ist ein Thema, das mich schon seit der rechnergestützten Gestaltung beschäftigt und mich mithin sehr aufwühlt. Fast alles beginnt auf dem Bildschirm, eine Glätte, die heute global Anwendung findet.
Typografie entsteht in vielerlei Art weit entfernt von Lesbarkeit. Bildbearbeitung findet oft an der Oberfläche statt, virtuelle Bildmanipulationen mit großer Vergleichbarkeit treten auf...
Da der Computer von sich aus nicht befähigt ist, neue Ideen zu produzieren, wird Bekanntes wiederholt und an der Oberfläche retuschiert.
Ideen entstehen im Kopf, danach auf dem Papier und, wenn erforderlich, kann der Computer diesen Prozess unterstützen.

CP MONITOR: Welche Rolle spielt der Zeitgeist für die Covergestaltung?

Prof. Heinz-Jürgen Kristahn: Jede Zeit hat ihre Stilfindung, der Zeitgeist  ist ein für mich positiver Ansporn, der die Gesellschaft aufruft, sich nach neuen Ideen und deren ästhetischen Formen auseinander zu setzen. Das hat in der Wirkungskraft auch eine bereichernde Ausstrahlung auf die  Covergestaltung.